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Sättigungsgefühl:

Placebo-Effekt beim Essen – Erinnerung macht satt

Wer viel isst, ist satt. Satter ist, wer glaubt, dass er viel gegessen hat. Eine Studie aus Großbritannien über die menschliche Nahrungsaufnahme.

Mann beäugt einen Hot Dog

Die Erinnerung an die letzte Mahlzeit bestimmt unser Sättigungsgefühl. Bild: © istockphoto.com

Forscher beschäftigen sich schon lange mit der menschlichen Nahrungsaufnahme, um den Mechanismus dahinter zu verstehen, weil man diesen gerne nutzen würde. Weltweit steigen nämlich die Zahlen der Menschen mit Übergewicht und das führt neben persönlichem Leid zur Belastung der Gesundheitssysteme.

Fände man heraus, wie der Körper seine Energiebilanz mittels Nahrung kontrolliert, könnte man diesen Mechanismus gezielt für Menschen nutzen, die mehr essen als sie sollten. Eine Forschergruppe um Jeffrey M. Brunstrom von der Universität Bristol widmete sich diesem Phänomen und veröffentlichte ihre Ergebnisse Anfang Dezember 2012 bei PLOS ONE, einer internationalen Fachzeitschrift der Public Library of Science.

Suppe essen im Dienste der Wissenschaft

Per E-Mail wurden unter den Mitarbeitern und Studenten der Universität Bristol Probanden rekrutiert, die im Auftrag der Wissenschaft zum Mittag Tomatensuppe essen sollten. Menschen mit Allergien, Nahrungsmittelintoleranzen oder speziellen Ernährungsgewohnheiten wurden von der Studie ausgenommen, genauso wie Teilnehmer, die erkannt hatten, dass die Suppenschüsseln manipuliert waren. Übrig blieben 100 Teilnehmer, 69 Frauen und 31 Männer, ihr durchschnittlicher Body-Mass-Index lag bei 23,4. Von den Suppenessern waren 22 übergewichtig, fünf adipös.

Allen 100 Teilnehmern wurde eine Schüssel Tomatensuppe präsentiert – die eine Hälfte bekam eine Portion mit 300 Millilitern zu sehen, die andere eine mit 500 Millilitern Inhalt. Was die Probanden nicht wussten und die meisten auch nicht erkannten – das Geschirr war manipuliert. Die Suppenschüsseln waren am Tisch fixiert, die Hälfte von ihnen mit einer Pumpe verbunden. Mittels dieser Apparatur wurde während des Essens aus den Schüsseln entweder Suppe entfernt oder aber zugefügt. Auf diese Weise kamen unter den Teilnehmern vier Gruppen zustande. Die erste Gruppe hatte 300 Milliliter Suppe gesehen und diese auch gegessen, die zweite hatte die gleiche Menge gesehen, durch Zufüllen per Pumpe aber 500 Milliliter gegessen. Die dritte Gruppe hatte 500 Milliliter gesehen und auch gegessen, die vierte Gruppe hatte zwar 500 Milliliter gesehen, durch Absaugen mittels Pumpe aber nur 300 Milliliter gegessen.

Wer mehr isst, ist auch erst mal satter

Nach dem Mittagessen im Dienste der Wissenschaft wurden die Probanden nach ihrem Hungergefühl befragt und wie zu erwarten, berichteten die Teilnehmer, die die größere Menge Suppe gegessen hatten, über einen größeren Sättigungseffekt als die, die mit weniger Essen auskommen mussten. Zwei und drei Stunden nach der Mahlzeit allerdings änderte sich dies. Nun hatten diejenigen am wenigsten Hunger, die glaubten, die größere Menge Suppe gegessen zu haben, ganz unabhängig davon, ob sie tatsächlich 500 oder aber nur 300 Milliliter zu sich genommen hatten. Sogar nach 24 Stunden hielt dieser Effekt noch an – wer glaubte, die größere Portion gegessen zu haben, war auch einen Tag später noch zufrieden.

Der Kopf isst mit

Diese Studie ist deswegen so wertvoll, weil sie das erste Mal beweist, dass auch höhere kognitive Prozesse eine wichtige Rolle bei der Sättigung spielen. Die Erinnerung an eine zurückliegende Mahlzeit bestimmt ganz erheblich das Sättigungsgefühl mit. Und das ganz unabhängig von der tatsächlich zugeführten Menge an Essen. Eine bestimmte Struktur im menschlichen Gehirn, der Hippocampus, führt Erinnerungen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis, dort wird die Erinnerung an die letzte Mahlzeit gespeichert. Eine andere Hirnstruktur, der Hypothalamus, informiert über Gefühle von Hunger beziehungsweise Sättigung, unter anderem auch den Hippocampus. Teilt dieser mit, dass es da kürzlich eine ausreichende Mahlzeit gab, wird der Impuls, erneut Nahrung aufzunehmen, gebremst. Wenn man diesen Placebo-Effekt in der Praxis nutzen könnte, wäre in Sachen Übergewicht eine Menge erreicht.

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Über Manuela Käselau

Manuela Käselau ist Physiotherapeutin und Shiatsu-Praktikerin (GSD). Parallel studierte sie Phonetik, Niederdeutsche Linguistik und Systematische Musikwissenschaft an der Universität in Hamburg. Als freie Autorin schreibt sie für diverse Online- und Printmedien, hauptsächlich im medizinischen Bereich. Seit 2012 ist sie ein Mitglied der Redaktion.