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Neurowissenschaft

Hirn- und Hörtraining: Die neue Hoffnung für Tinnitus-Patienten

Neue Hoffnung für Tinnitus geschädigte MenschenDer Tinnitus ist ein grausamer und hartnäckiger Gefährte. Wenn er pfeift, zischt, klopft, rattert oder schrillt, kommen die von ihm gequälten Menschen nicht zur Ruhe. Die stetige Geräuschkulisse in der Abgeschiedenheit der eigenen akustischen Sinneswahrnehmung raubt den Schlaf, die Lebensfreude, und schließlich auch die Arbeitsfähigkeit. Darum fahnden Wissenschaftler auf der ganzen Welt schon seit Jahren nach den wahren Ursachen des Tinnitus, um aus ihren Ergebnissen konkrete und wirksame Therapiemöglichkeiten zu generieren. Nun scheint es so, als sei den Forschern endlich der entscheidende Durchbruch gelungen. Denn ein Team hochkarätiger Neurowissenschaftler der U.S. amerikanischen Universität von Kalifornien (Berkeley) hat jetzt die wahren Hintergründe der belastenden Geräusche entdeckt. Und diese Entdeckung könnte vielen an Tinnitus leidenden Menschen endlich die lang herbeigesehnte innere Ruhe bringen.

Haarausfall im Ohr

Es gibt viele Problemsituationen, die zu dauerhaften Gehörschäden führen. Das kann ein extrem lauter Arbeitsplatz sein, der das Ohr täglich mit Krach bombardiert. Oder die antibiotische Wirkung von Medikamenten, die die sensiblen Hörnervenzellen abtötet. Doch egal, ob die Schädigung auf mechanischem oder auf chemischem Wege erfolgt, die Auswirkung ist immer gleich: Einige Haarzellen in der „Schnecke“ im Innenohr sterben irreversibel ab. Und weil jede einzelne Haarzelle auf eine genau festgelegte Frequenz „geeicht“ ist, führt das partielle Haarzellensterben zu einer exakt umrissenen Lücke im Hörvermögen. Dann können die Betroffenen ganz bestimmte Töne nicht mehr hören. Und auch jenes Gehirnareal in der „Hörrinde“, welches diese nun versiegten Frequenzbereiche früher einmal verwaltet hat, bekommt ab sofort keinen Input mehr. Genau diese erzwungene neuronale Stilllegung kann sich in der Folge sehr lautstark rächen.

Wenn Nervenzellen sich langweilen, machen sie Radau

Der Tinnitus wird nicht vom Ohr, sondern vom Gehirn erzeugt. Das mussten auch jene Leidgeprüften erfahren, die trotz komplett chirurgisch durchtrennter Hörnerven die quälenden Geräusche immer noch ertragen mussten. Doch warum macht das Gehirn so einen fürchterlichen Krach? Ganz einfach: Weil sich die durch ausbleibende Ansprache gelangweilten Hirnareale so stark unterfordert fühlen, dass sie damit anfangen, sich selbst die notwendige Stimulation zu beschaffen. Sie fangen quasi an, mit sich selbst zu spielen. So kommt es dann zu jenen „Phantomgeräuschen“, die die Patienten bei entsprechender Intensität in den Wahnsinn treiben können.

Wie kann man das therapeutisch nutzen?

Zwei verschiedene Ansätze kommen hier ins Gespräch:
1) Ein gezieltes und kombiniertes Hirn- und Hörtraining mit Frequenzen, die so dicht wie nur möglich neben den „verlorenen“ Tonbereichen liegen. Die ähnlichen Töne, die noch gehört werden können, würden dann auch die brach liegenden Hirnbereiche zumindest teilweise erreichen, und dort wieder für eine normale physiologische Aktivität und für eine entspannende Teilhabe an der akustischen Reizverarbeitung sorgen.

2) Es könnten Medikamente entwickelt werden, die die unerwünschten Spontanaktivitäten in der Hörrinde des Gehirns unterdrücken. So eine Art Schlafmittel für durch Unterforderung gestresst aufschreiende Hirnzellen.

Insbesondere für den ersten Ansatz, der übrigens zu den bisherigen „Ablenkungsversuchen“ methodologisch konträr liegt, haben die Wissenschaftler bereits erste ermutigende Erfolge zu vermelden. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass ein Hörtraining, welches direkt auf den „Störfrequenzen“ liegt, die bis dato von der Außenwelt abgeschnittenen Hirnbereiche revitalisieren kann. Und dann kann endlich wieder Ruhe im Kopf herrschen.

Weiterführender Link zum Thema:

Robert Sanders: Tinnitus discovery could lead to new ways to stop the ringing
http://newscenter.berkeley.edu/2011/09/12/tinnitus-discovery-could-lead-to-new-ways-to-stop-the-ringing/

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