Startseite / Gesundheit / Ratgeber / Ritalin – Alltagsdoping für die Leistungsfähigkeit

Medikamentenmissbrauch:

Ritalin – Alltagsdoping für die Leistungsfähigkeit

Die Leistungsgesellschaft fordert einen immer höheren Tribut. Und so greift der eine oder andere zu Ritalin um leistungsfähiger zu werden.

Gerade Studenten greifen unter Stress zu Ritalin, um die Leistung zu steigernSo stehen mittlerweile nicht nur das Burnout-Syndrom und Depressionen beinahe an der beruflichen Tagesordnung, sondern immer mehr Menschen greifen zu Hilfsmitteln um den steigenden Ansprüchen gerecht zu werden. Ein Medikament steht dabei aktuell besonders im Kreuzfeuer: das Ritalin.

Ritalin – ein Medikament gegen ADHS

Ursprünglich soll Ritalin Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, helfen. Das Arzneimittel erfreut sich aber auch unter Schülern, Studenten und gestressten Angestellten immer größerer Beliebtheit. Der Grund dafür ist so einfach wie gefährlich: Der Wirkstoff steigert die Leistungsfähigkeit. Entsprechend greifen gestresste oder überforderte Personen selbst gerne zum Ritalin und bringen ihr Gehirn in Schwung für den zermürbenden Alltag. Und dies sind keine Einzelfälle, sondern ein Problem, das langsam alarmierende Ausmaße annimmt und auch in der Politik ankommt.

Der Bundestag will sich dem „Doping“ annehmen

Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung, will sich der Bundestag nach der Sommerpause mit dem ausufernden Medikamentenmissbrauch beschäftigen. Unter anderem will man sich um die stark gestiegenen Verschreibungen des Medikamentes kümmern. Denn im Jahre2011 gingen rund 1,7 Tonnen Ritalin über die Apothekentische. Zum Vergleich waren es im Jahre 1993 gerade einmal 34 Kilogramm. Der Grund für die vielen Verschreibungen ist eben nicht zuletzt darin zu finden, dass Erwachsene das Medikament ihrer Kinder einfach mitbenutzen, um die geistige Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Ferner gehen Experten davon aus, dass mindestens jedes vierte Schulkind zumindest einmal in seiner schulischen Laufbahn mit dem Medikament in Kontakt kommt.

Höhere Konzentration und mehr Durchhaltevermögen

Leistungssteigerung mit Ritalin - das Methylphenidat macht nicht abhängigAuf Kinder mit ADHS wirkt das Medikament beruhigend, auf gesunde Erwachsene hingegen stimulierend. Die Konzentration wird stark gefördert und das Durchhaltevermögen steigt. Beobachtungen zu Folge wird das Medikament allerdings nicht nur bevorzugt von Studenten im Examensstress eingenommen, sondern auch Chirurgen greifen hin und wieder zum Ritalin, um einen langen Tag im Operationssaal zu überstehen. Auch wenn das Medikament kein körperliches Suchtpotenzial birgt, kann es langfristig psychisch abhängig machen und die Betroffenen haben dann das Gefühl, dass sie ohne das Arzneimittel zu nichts mehr fähig sind. Zudem ist es unbekannt, wie sich der Wirkstoff bei langfristigem Missbrauch auf den gesunden Organismus auswirkt und mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist.

Nicht über das Problem hinwegtäuschen lassen

Das Problem an der Sache ist jedoch nicht das Medikament, sondern die Bereitschaft, leistungssteigernde Substanzen zur Bewältigung des Alltages einzunehmen. In einer Umfrage gaben lediglich 20% der Befragten an, dass sie unter keinen Umständen ein leistungssteigerndes Medikament einnehmen würden. 80% hätten dabei jedoch keine Probleme, sofern das Mittel legal und frei von Nebenwirkungen sei. Wohin diese Tendenz führen kann wird schnell deutlich, denn so könnte man zumindest theoretisch mit einer noch stärkeren Leistungsgesellschaft rechnen, bei der Defizite einfach durch Arzneimittel beseitigt werden. Der Mensch wird immer mehr zur Maschine und das wirklich erschreckende daran mag sein, dass er das zu einem großen Teil freiwillig tut. Die Wurzeln der Problematik werden dabei schlicht übergangen. Am Beispiel des Chirurgen muss man sich entsprechend fragen, wie sinnvoll es wirklich ist, einen Arbeitstag von oftmals mehr als 14 Stunden mit Hilfsmitteln erträglicher zu machen. Weitaus konstruktiver wäre es doch humanere Ausgangssituationen zu schaffen, doch betrachtet man sich das alltägliche Leben einmal genauer, haben die Pillen derzeit wohl eine realistischere Chance als die Rückkehr zur Vernunft.

Foto: © Flickr/adhd

© Pixel Trader Ltd. 2013 Alle Rechte vorbehalten

Über Stephan Lenz

Stephan Lenz studierte Philosophie, Soziologie und Anglistik an der Universität Mannheim. Es folgten schriftstellerische Fortbildungen und die freiberufliche Arbeit als Autor und Journalist. Neben unzähligen Artikeln in diversen Magazinen, veröffentlichte er Prosa im Charon Verlag, Hamburg, sowie im Wortkuss-Verlag, München. Er gehört seit vielen Jahren zum festen Stamm der Redaktion des Artikelmagazins.