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Buchkritik:

Charlotte Roche – vom Feuchtgebiet zum Schoßgebet

Charlotte Roche hat ein neues Buch geschrieben - SchoßgebeteRund dreieinhalb Jahre nach Charlotte Roches Einstand in die Welt der Literaten ist kürzlich ihr zweites Werk „Schoßgebete“ erschienen, erneut den Gipfel der Weltliteratur zu erklimmen oder sollte man besser schreiben den Gipfel neuer Geschmacklosigkeiten? Denn in dieser Hinsicht dürfte schon der Debütroman „Feuchtgebiete“ nahezu konkurrenzlos sämtliche Schallmauern des guten Geschmacks durchbrochen haben. Doch nun verspricht das Folgewerk noch eine Steigerung, eine „richtige Achterbahn der Gefühle“ zu sein, so die Autorin selbst. Aber dachte sie dabei an die Menschen, welche die Achterbahn lieben oder etwa an solche, denen bei solch rasanten Fahrten einfach nur schlecht wird und die schneller wieder raus wollen, als sie eingestiegen waren?

Das Übel nimmt seinen Lauf

Jeder halbwegs renommierte Verlag würde auf ein Manuskript, dessen Autor sich auf die kumulierte Erwähnung von Geschlechtsteilen, Obszönitäten und sonstigen Ekelhaftigkeiten beschränkt, mit kategorischer Ablehnung reagieren. Seltsamerweise setzt Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ genau an diesem Punkt an und führt ihn auch konsequent fort. Sie schildert schonungslos das verquere Leben einer rebellischen, postpubertären Göre, die zu sexuell abartigen Perversionen neigt und ihre Vagina, samt mangelnder Hygiene maßgeblich zum Indikator ihrer Individualität mit Persönlichkeitsrecht hebt. Ansatzweise könnte dieser Rahmen auch nach der kontroversen Gesellschaftskritik klingen, als die „Feuchtgebiete“ verkauft werden sollte, doch offenbart sich das Werk durch Inhalt und Stil all zu schnell als bloßes Geschreibsel, das nur einem dient, nämlich sich selbst. Eine einfache Liste, was die Herstellerin des Buches – Schriftstellerin traut man sich kaum zu schreiben – scheiße findet, hätte möglicherweise einen höheren literarischen Gehalt zu Tage gefördert, als dieses Sammelsurium widerwärtiger Absonderlichkeiten. Nicht, dass Kunst und Literatur keine tabubrechenden Aussagen treffen dürften, ganz im Gegenteil, aber „Feuchtgebiete“ ist weder das eine, noch das andere. Zu plump, derb und wenig geistreich kommt es daher, mit einer Geschichte, dünner als jedes Tamponbändchen, Figuren, die in ihrer Blässe wohl Graf Dracula schwerste Konkurrenz machen dürften und einem Schreibstil, dessen Naivität und umgangssprachliche Direktheit – ob Absicht oder nicht – jedem durchschnittlich gebildeten Leser, intellektuelle Schmerzen bereiten dürfte.

Goethe, Schiller, Roche, und Brecht – irgendwas, das stimmt hier nicht

Allen Mängeln zum Trotz, vermochte eine ausgefeilte Marketingstrategie das selbstzweckhafte Werk monatelang in die Bestsellerlisten zu katapultieren, während sich die großen Dichter der Vergangenheit wohl im Grabe umdrehten. Gemäß dem Leitsatz „There is no bad promotion, there is only promotion“, was übersetzt so viel heißt wie, „man kann auch den größten Murks verkaufen, solange man ihn richtig vermarktet”, bleibt einem angesichts diesen strategischen Erfolges, den „Feuchtgebiete“ einfahren konnte, eigentlich nichts anderes übrig, als ehrfürchtig den Hut zu ziehen. Auch wenn etwa gut zwei Drittel der Leser mit schlechten Bewertungen aufwarteten, waren auch sie zahlende Kunden, die der offensiven Taktik Recht geben sollten. Folglich spielt es schon beinahe keine Rolle mehr, um was es in dem Buch überhaupt geht, sondern es geht vielmehr darum, wie das „Drumherum“ funktioniert und dabei haben die Verantwortlichen alle Register der Kunst gezogen. So markiert „Feuchtgebiete“ also nur beiläufig einen Schandfleck deutscher (Pseudo-)Literatur und ist nur ein weiterer Beleg für ein herausragendes und trauriger Weise auch effektives Marketing-Konzept, das sich möglicherweise schon bald wiederholen wird.

Noch krasser, noch tabubrechender, noch „besser“

Am 10. August 2011 ist nun Charlotte Roches zweiter Roman „Schoßgebete“ erschienen und wie es zu erwarten war, wurde schon zuvor kräftig die Werbetrommel gerührt, um die Verkaufszahlen zum Erscheinungstermin hoch hinaus zu peitschen. Ob und wie gut die Marketing-Maschinerie ein zweites Mal funktioniert, wird sich noch zeigen, so stimmten zumindest bei einer Umfrage der „Welt-Online“ ganze 80% in einer nicht repräsentativen Umfrage dafür, „Schoßgebete“ nicht zu lesen und das, obwohl der Verlag dem zweiten Werk seines Schützlings nicht nur eine erwachsenere Grundhaltung attestierte, sondern auch den Bruch des letzten Tabus versprach – dem Thema der ehelichen Sexualität. Nach dem Thema des Erstlingswerkes eine wahrliche Überraschung. „Radikal offen, selbstbewusst und voll grimmigem Humor“ soll nach den Worten des Verlages die Geschichte um Elizabeth, eine Geschichte von Ehe und Familie, erzählt werden, wie in keinem Roman zuvor. Das sollte man nicht anzweifeln, doch wird dies sicherlich auch einen Grund haben.  Denn auch schon „Feuchtgebiete“ erzählte von Hämorrhoiden und hygienischen (Un)-Gepflogenheiten, die man so wahrlich noch nie zuvor finden konnte. Doch will man das überhaupt? Aber wer weiß, vielleicht tun die Kritiker der Dame nur unrecht und müssen in Zukunft wehmütig und zähneknirschend, rückwirkende, respektable Worte über die Initiatorin eines radikalen Neo-Naturalismus verlieren, dem nichts Geringeres gelang, als den Zeitgeist einzufangen und ganze Generationen zu prägen. Gut, die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering, aber sollte irgendwann ein drittes Werk geplant sein, könnte es wohl „Gebärmutterareale“ heißen und vom Weltbild eines Ungeborenen erzählen. Natürlich aus dessen Sicht geschildert, was sich in 400 Seiten „Bubu, dada, blubb“ äußern wird und vielleicht dann als hyperradikaler Neo-Dadaismus in die Geschichte eingehen wird. Für den kulturellen Anspruch der Leser sicherlich keine wünschenswerte Vorstellung, aber den Verkaufsstrategen würde wohl auch das wieder als zu meisternde Herausforderung Genüge tun und genug Kleingeld in die Hosentaschen spülen, denn um nichts anderes geht es letztendlich.

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  • Der nächste Shooting Star auf dem Gebiet des sexuellen Exhibitionismus (diesmal: über die Männersexualität) könnte Peter Redvoort („Pornos machen traurig“) sein. Seltsam, dass er seinen Roman über einen Self Publishing Verlag rausgebracht hat …?

    D.Göllner