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Kulturverständnis:

Wie viel Kultur braucht der Mensch?

Leichte Literatur zum lesenAls kulturell interessiert zu gelten, gehört zu den sozial erwünschten Tugenden unserer Zeit. Wir küren und feiern Kulturhauptstädte, finanzieren und subventionieren Kulturstätten und jagen bekennende Kulturbanausen in die gesellschaftliche Wüste. Doch was bedeutet Kultur heute überhaupt? Wie kann und darf (und sollte?) Kultur Einfluss auf unser tägliches Leben nehmen? Und hat ein aufgeschlossener Mensch überhaupt noch das moralische Recht, Kultur ganz persönlich individuell zu definieren und sich dabei und dadurch möglicher gesellschaftlicher Zwänge zu entziehen? Wagen wir einen Blick auf das, was sein kann, und auf das, was sein darf.

Was ist überhaupt Kultur?

Der eine liebt die bildende Kunst, der andere erlebt seinen Flow in der Musik und ein Dritter verliert sich selbst bei einer packenden und fesselnden Bühnendarbietung. Doch auch die Beschäftigung mit spannender Lektüre oder die aktive oder per TV stellvertretende Diskussion mit Kulturschaffenden und Kulturkritikern kann dem Geist eine Menge geben. Die gute Nachricht dabei: Kultur ist immer das, was der Kulturfreund dafür hält. Die schlechte Nachricht: Moralinsaure Standards sind leider überall und darum auch hier zu finden.

Ein Beispiel aus der Literatur

Kennen Sie Trivialliteratur? Hier finden sich solch schillernde Facetten wie Arztromane, Kriminalromane oder Western. Groschenheftchen nennt man diese literarischen Oasen im Alltag auch schon mal gerne eher abwertend. Und sogar der legendäre Johannes Mario Simmel musste sich schon den abschätzigen Vorwurf gefallen lassen, lediglich Trivialliteratur am Fließband zu produzieren. Da kann man als emanzipierter und erfolgreicher Schriftsteller eigentlich nur ganz selbstbewusst sagen: Na und? Ist es für einen wahrhaft erhebenden Kulturgenuss denn immer zwingend notwendig, sich wahlweise zu Tode zu langweilen oder nur Bahnhof Kofferklau zu verstehen? Muss man denn unbedingt Herrn Reich-Ranicki mögen, um als Kulturbürger eine politisch und weltanschaulich korrekte Daseinsberechtigung zu haben? Darf denn gute Literatur nicht einfach nur gut unterhalten? Muss es denn immer nur schwere Kost sein, wenn man als kulturell gebildeter Mensch seriös dastehen will? An dieser Stelle sollte, einmal mehr, die unparteiische Wahlfreiheit gelten. Und die besagt: Wer sich den Ulysses von James Joyce reinziehen will, oder die gesammelten Werke von Herrmann Hesse, der muss das ganz genau so gut akzeptiert tun dürfen wie jemand, der wöchentlich am Beispiel von G-Man Jerry Cotton den Wandel des Zeitgeistes aufmerksam verfolgt.

Klassik! Klassik?

Haben Sie schon mal versucht, sich als Menschen zu outen, der klassische Musik einfach nur zum Kotzen findet? Wahrscheinlich nicht. Denn entweder lieben Sie klassische Musik ehrlich und aufrichtig – oder Sie würden nie wagen, das Gegenteil zu enthüllen. Andere Möglichkeiten gibt es kaum. Denn jeder, der von Bach und Beethoven Bauchweh bekommt, ist ja automatisch ein Banause, mit dem man sich tunlichst nicht ins Benehmen setzen sollte. Ist das nicht ein bisschen ungerecht? Oh ja, das ist es! Denn die Abneigung gegen klassische Musik bedeutet wahrlich nicht automatisch, dass man es mit einem strunztauben und hirnbegrenzten Neandertaler zu tun haben muss. Ganz im Gegenteil. Musik hat so viele klangvolle Gesichter, dass man ihr brutale Gewalt antäte, wolle man sie lediglich auf ihre Vergangenheit beschränken. In diesem Sinne: Let it rock! Oder was auch immer den Temporallapen des menschlichen Großhirns zum Swingen und Klingen bringt. Get up and boogie!

Fazit

Kultur könnte und würde viel mehr Herzen und Hirne erreichen, wenn man sie endlich mal von ihrem deutschen Dogmatismus befreite. Kultur darf ganz ausdrücklich leicht sein und Freude machen. Denn nur so und nicht anders vermag sie ihren hohen Auftrag zu erfüllen. Und so möge sich jeder, dem Kultur bisher ein Graus war, dazu aufgerufen und ermutigt fühlen, sein (oder ihr) ganz ureigenes Kulturverständnis zu entwickeln, zu leben und zu genießen.

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