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Body Modification:

Körperkult oder Selbstverstümmelung?

Sie haben extreme Body Piercings, Brandzeichen und Implantate unter der Haut. Gemeint sind Body Modificater und ihr gesteigerter Körperkult.

Body Modificater mit Brandings auf dem ArmMancher bedauernswerte Mensch muss seit seiner Geburt oder nach einem entstellenden Lebensereignis mit einer deutlich sichtbaren körperlichen Missbildung leben. Hier kann die ästhetisch plastische Chirurgie in einigen Fällen wieder optische Normalität schaffen, in anderen schwerwiegenden Fällen jedoch nicht. Doch egal, ob der seriöse Schönheitschirurg im Einzelfall zu helfen vermag oder kapitulieren muss – all diesen vom Schicksal erbarmungslos gezeichneten Personen muss die sogenannte Body Modification, kurz BodMod, wie ein brutaler Schlag ins Gesicht vorkommen. Denn unter diesem Label lassen sich Zeitgenossen, die mit einem unauffälligen bis attraktivem Äußeren gesegnet sind, absichtsvoll ebenso unnötige wie gesundheitsgefährdende Verstümmelungen beibringen. Gegen die Anhänger der Body Modification sind selbst hart gesottene Tattoo-Fans schwächelnde Chorknaben. Doch welche für Normalsterbliche unaussprechlichen und unbegreiflichen Brachialgewalten lassen Body Modificater, natürlich gegen stattliche „Behandlungshonorare“ und ohne Betäubung, über sich ergehen? Und warum?

Brennen, Hauen und Stechen

Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher mögen es kaum glauben, aber es ist dennoch wirklich wahr:

– Per Implantaten aus Metall, die mit ihren Gewindestangen aus der Hautoberfläche hervorragen, werden kleine Teufelshörnchen oder andere schockierende Schmuckstücke auf den kahlen Kopf oder ins Gesicht geschraubt. Designierte Vampire, die leider noch ungebissen im Sonnenlicht wandeln müssen, lassen sich auch schon mal Magnete chirurgisch in die Fingerkuppen implantieren, um anschließend auf kleinere Gegenstände aus Metall buchstäblich magnetisch anziehend zu wirken.

– Ohne Metall, aber nicht ohne Skalpell kommen die Transdermals aus. Das sind Implantate aus Silikon, die, nachdem sie chirurgisch installiert worden sind, bestimmte künstliche Reliefs oder Strukturen sicht- und tastbar aus der Hautoberfläche herausmodellieren. Das können Stirnhöcker sein, aber auch ein Stern über dem Busen oder Spurrillen auf den Handrücken. Oder wie und wo man es sonst noch gerne wuchtig wulstig statt straf und glatt hätte.

– Nur die Harten, die in den Garten kommen wollen, lassen sich vorher mit Schmucknarben für den Rest ihres Lebens auszeichnen. Während man hierzulande das Brandzeichen für Nutztiere wie Pferde oder Rinder mit Recht ebenso scharf wie kritisch diskutiert, lassen sich BodMods gänzlich freiwillig und ohne gnädige Schmerzstiller wahlweise mit rot glühenden Brandeisen ein Branding einbrennen, oder sich mit scharfen Klingen blutende Wunden beibringen, die sich später einmal zu wulstigen Kelloidnarben auswachsen sollen. Dagegen sehen wackere Verbindungsstudenten mit ihren traditionellen „Schmissen“ ziemlich alt aus.

– Ein wahrhaftig einschneidendes Erlebnis steht auch all jenen bevor, die sich die Zunge spalten lassen. Sofern die mit dem Skalpell halbierte Zunge diesen blutigen Eingriff irgendwann schadlos abgeheilt übersteht, kann wahrhaft schlangenartig gezüngelt werden.

Tattoos auf der Hautoberfläche kann ja inzwischen jeder. Aber sich die weißen Augäpfel flächendeckend kohlrabenschwarz oder flammrot tätowieren zu lassen, dazu muss man schon ein schmerzfreier BodMod sein. Und wenn man schon dabei ist, bitte auch gleich noch ein Tattoo auf die Zunge. Wenn da zwischen frischer Spalte und altem Piercing noch irgendwo der Platz dafür übrig ist.

Hilfe? Warum machen Menschen denn so was?

Die meisten selbst gemachten Body Modificater beantworten diese Frage mit dem innigen Wunsch, augenfällig anders sein zu wollen als alle anderen, und um jeden Preis auffallen und aus der Masse herausragen zu wollen. Das gelingt diesen Exoten bestens, gar keine Frage. Dann gibt es wiederum jene, die religiöse und spirituelle Gründe für die massiven Eingriffe in die eigene körperliche Unversehrtheit anführen. Diese Untergruppe ist meist auf einem recht einschneidenden Ethno-Trip, oder will auf ihre Weise offensiv gegen das derzeit vorherrschende westliche Schönheitsideal demonstrieren. Wieder andere wollen ihre mit vernichtenden Schmerzen bezahlte neue Schönheit als Beweis ihrer Mannbarkeit, Stärke und Härte herzeigen. Mit gutem Grund: Wer ein ausgedehntes Branding überstanden hat, ohne in Ohnmacht zu fallen, kann sich wahrhaft als initiiert bezeichnen. Ach ja – die Sex-Toy-Fraktion wollen wir bei all diesem Gemetzel natürlich auch nicht vergessen. Wer schon bei dem Gedanken daran, dass Michelle Pfeiffer in ihrem Mund einen Knoten in einen Kirschenstiel frickeln kann, eine wohlig erotische Gänsehaut bekommt, dessen Phantasie könnte bei einem gespaltenen Zungenschlag noch ganz andere Höhenflüge starten.

Fazit

Wer Spaß an der eigenen Selbstverstümmelung hat, und damit keinem anderen Menschen schadet, der muss seine Neigung in einer freien und toleranten Gesellschaft auch ausleben dürfen. Doch wenn die Lust am demonstrativen Leid die Gesundheit ernsthaft bedroht, wie es bei sehr vielen dieser Body Modifications fraglos der Fall ist, dann muss zumindest die Frage erlaubt sein, ob man da nicht vielleicht doch lieber in ihrer seelischen Befindlichkeit beeinträchtigte Menschen vor sich selbst schützen müsste.

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