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Technikwelt:

Joggen – Lauf gegen die Technik

Früher brauchte man zum Laufen Schuhe, Hemd und Hose. Heute heißt es Joggen und gleicht einer technischen Wallfahrt bei der die Vitaldaten und Zeitmessung im Vordergrund stehen.

Alsterrunning - an den Laufschuhen wird ein Mikrochip befestigt. Das Smartphone braucht man nicht.

Beim Alsterrunning läuft man gegen die Zeit. Ein Microchip am Laufschuh übermittelt die Zeit an Messstationen.
Bild: © fotolia.de

Was waren das für herrliche Zeiten: Man schlüpfte in seine Schuhe und lief einfach los – trabte durch den Wald oder hechelte im Park ein paar Runden im Kreis. Und tat das in der Regel aus Spaß an der Freude. Natürlich gab es auch vor Jahren und Jahrzehnten schon tatsächliche Sportler – Menschen, die einem Trainingsplan folgten, ihren Puls maßen und eine Stoppuhr mit sich führten. Denen sah man aber auch von Weitem an, dass sie ehrgeizige Ziele hatten.

In der Zwischenzeit galt nur als Sport, wenn es mit Maschinen, Gewichten und Seilzügen zu tun hatte und irre viel Geld pro Monat kostete. Vor Jahren trat das sportliche Laufen aber wieder mehr in die Öffentlichkeit. Mittlerweile stehen bei den großen deutschen Stadt-Marathons mehr Leute an der Strecke und jubeln, klatschen und pfeifen als eigentliche Läufer unterwegs sind. Das einfache Fuß-vor-Fuß setzen ist wieder schick, egal, ob gehend, dann heißt es walken oder laufend, dann joggen genannt.

Einfach nur Laufen geht nicht mehr

Etwas hat sich aber doch geändert. Nur wenige Läufer sind einfach nur auf der Strecke unterwegs. Die allermeisten haben unzählige kleine und große technische Geräte dabei. Kopfhörer und Abspielgerät zum Beispiel – für Musik, Nachrichten oder Motivationstexte auf die Ohren. Relativ viele telefonieren mit ihren Handys. Kaum noch jemand fühlt seinen Puls mit den eigenen Händen oder horcht in sich, ob die Geschwindigkeit in Ordnung ist. Das erledigt heute Technik. Ein Brustgurt nimmt unzählige Daten auf, die sich auf einem klobigen Ding am Handgelenk ablesen lassen. Das Ding zeigt auch die Uhrzeit an, kann die Zeit stoppen und piept, wenn man sich verausgabt. Einfach loslaufen und womöglich nicht wissen, wo man landet, ist auch nicht mehr an so angesagt. Ein GPS-gesteuertes Navigationsgerät darf gerne dabei sein, damit man mithilfe der Technik wieder nach Hause findet. Dafür trägt man auch gerne noch einen zusätzlichen Sensor irgendwo am Körper.

Lauftechnik auf kleinstem Platz bietet das Smartphone

Seit Mobiltelefone eher kleine Computer geworden sind, schleppen viele nun auch noch das Smartphone zum Laufen mit – zusammen mit auf Läufern zugeschnitten Apps. Die motivieren einen schon im Bett zum Sport – je nach persönlicher Vorliebe mit einem vorab eingestelltem Säuseln „Komm, aufstehen, laufen und dann bist Du schön“ bis hin zum gebrüllten „Steh auf, Du faule Ratte.“ Die Stimme lässt sich natürlich auch während des Laufens aktivieren: „Du bist großartig, weiter so!“ oder „Wenn Du weiter so schleichst, kannst Du das Shirt noch vier Mal anziehen.“ Aber die Apps können noch viel mehr: Wetter vorhersagen, Abnutzung der Schuhe einschätzen, Kalorienverbrauch errechnen, mit sozialen Netzwerken verknüpfen – dort erfahren dann die anderen, dass man gerade unterwegs ist und können anfeuernde Rufe aufs Handy schicken. Profane Dinge wie Geschwindigkeit und Puls messen, Daten speichern und später am Rechner auswerten gehen natürlich auch und noch viel mehr. Ob es das alles braucht ist fraglich, denn es besteht natürlich die Gefahr, dass die Läufer ohne Technik keine Ahnung mehr haben, wie es ihnen eigentlich geht – kein schöner Gedanke.

In Hamburg kann man auch ohne Technik laufen

Im Norden Deutschlands hatte Michael Brügmann, Software-Entwickler und selber Freizeitläufer, die Nase voll vom Geschleppe beim Joggen. Er erfand und installierte eine Anlage für automatische Zeitmessung an der Alster. Kommt ein Läufer mit einem zuvor gekauften Chip vorbei, wird dieser registriert, die Zeit läuft. Die 7,33 km lange Strecke wird von sechs Stationen flankiert. Es ist nicht nötig, die ganze Runde zu absolvieren, das System erkennt auch, wenn ein Läufer mal die Richtung wechselt. Natürlich kann man seine Zeiten hinterher im Netz finden. Die Community von bislang 900 Läufern diskutiert die Werte, trifft sich auch mal ganz real zum Laufen und vergleicht die eigenen Zeiten mit denen der anderen. Wer so was zur Motivation braucht – warum nicht?

Alle anderen gehen weiterhin laufen, wie sie wollen. Entweder mit unzähliger Geräteunterstützung oder einfach nur in Hemd und Hose.

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Über Manuela Käselau

Manuela Käselau ist Physiotherapeutin und Shiatsu-Praktikerin (GSD). Parallel studierte sie Phonetik, Niederdeutsche Linguistik und Systematische Musikwissenschaft an der Universität in Hamburg. Als freie Autorin schreibt sie für diverse Online- und Printmedien, hauptsächlich im medizinischen Bereich. Seit 2012 ist sie ein Mitglied der Redaktion.