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Mindestlohnbericht 2012:

Höhere Mindestlöhne in der EU

Während der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland phasenweise mal mehr und mal weniger heftiger diskutiert wird und die Verantwortlichen noch immer nicht zu einem gemeinsamen Ergebnis gekommen sind, herrscht in den meisten übrigen EU-Ländern in dem Punkt eines Mindesteinkommens zumindest überwiegend Einigkeit.

Mindeslohn in der Europäischen UnionWie hoch oder niedrig dieser ausfällt schwankt teilweise enorm. Dem aktuellen WSI-Mindestlohnbericht aus dem Jahre 2012 zufolge, hat die Mehrheit der EU-Staaten das Grundeinkommen erhöht.

Viele EU Länder erhöhten bereits den Mindestlohn

20 der 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verfügen über einen gesetzlichen Mindestlohn, der im Jahre 2012 von der Mehrheit der Staaten erhöht wurde. Während Großbritannien, Bulgarien und Luxemburg bereits im Herbst vergangenen Jahres das gesetzliche Mindesteinkommen erhöht haben, sind zum 1. Januar 2012 weitere neun Staaten nachgezogen. So erhalten Arbeitnehmer in Frankreich beispielsweise seit Beginn des Jahres mindestens 9,22 Euro die Stunde, in den Niederlanden sind es 8,88 Euro. Zum Vergleich hat Luxemburg seit der Erhöhung auf 10,41 Euro pro Stunde nun den höchsten Mindestlohn innerhalb der EU. Doch das Bild der höheren Einkünfte trügt, denn vor allem in den EU-Krisenstaaten steht das Mindesteinkommen stark unter Druck.

Krise und Inflation bremsen die realen Lohnzuwächse

Austeritätspolitik:
Austerität ist ein Fremdwort für „Sparsamkeit“ oder „Strenge“. Entsprechend handelt es sich bei der Austeritätspolitik um eine Sparpolitik, welche die laufenden Ausgaben des Staates senken soll. In Zeiten ökonomischer Krisen soll die wirtschaftliche Lage des Landes durch einen strengen Haushaltsplan verbessert werden.

Obwohl zwischen der aktuellen Verschuldungsproblematik und der Entwicklung der Mindestlöhne kein direkter ökonomischer Zusammenhang besteht, wird unter dem Druck der EU eine restriktive Mindestlohnpolitik mittlerweile als fester Bestandteil der derzeit vorherrschenden Austeritätspolitik gesehen“, bemerkt Dr. Thorsten Schulten, Experte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung und Verfasser des aktuellen Mindestlohnberichtes. Im Klartext bedeutet dies, dass die Erhöhungen überwiegend geringer ausfielen als in den Vorjahren. Hinzu kommt, dass die Inflation ebenfalls höher lag als in den letzten Jahren und der realen Lohnzuwachs allenfalls bescheiden ausfallen ließ, in einigen Staaten gar komplett aufzehrte, beispielsweise in Großbritannien, den Niederlanden oder auch in Belgien. In den kriselnden Staaten Irland wurde der Mindestlohn im Februar 2011 um einen Euro gesenkt und im darauffolgenden Sommer wieder um einen Euro auf 8,65 Euro erhöht. Sorgenkind Griechenland senkte das Mindesteinkommen seit 1. März auf internationalen Druck hin um mehr als 20% auf 3,39 Euro pro Stunde. Da bleibt unterm Strich also gewiss nicht mehr in der Tasche. Jedoch gab es auch einige Positivbeispiele, wie Ungarn, die Ihren Mindestlohn real um gut 15% anhoben. In Polen und Bulgarien stieg das Mindesteinkommen inflationsbereinigt immerhin noch um vier bis acht Prozent.

Westlicher Mindestlohn deutlich höher als im Süden und im Osten

Der erlaubte Mindestlohn in den westeuropäischen Ländern reicht nun von 8,65 Euro bis 10,41 Euro brutto. Im Süden und Osten der EU fallen die Lohnminima hingegen deutlich geringer aus. Im südeuropäischen Teil bewegen sich die Lohnuntergrenzen zwischen knapp drei und knapp vier Euro. In dem überwiegenden Teil der mittel- und osteuropäischen Länder sind die Mindestlöhne noch deutlich niedriger und reichen bis zu 80 Eurocent die Stunde hinunter. Der Niveauunterschied bei den Lebenshaltungskosten darf dabei allerdings nicht übersehen werden, sodass sich insgesamt eine positive Entwicklung abzeichnet und auch die östlichen Staaten innerhalb der letzten Jahre ordentlich zugelegt haben.

Rund 80 Staaten weltweit haben eine Einkommensuntergrenze

Weltweit können rund 80 Staaten ein gesetzliches Mindesteinkommen vorweisen. In dem Bericht des WSI werden exemplarisch einige internationale Mindestlöhne betrachtet. So zahlt Brasilien seinen Arbeitnehmern umgerechnet beispielsweise mindestens 1,41 Euro pro Stunde, die Türkei und Argentinien knapp zwei Euro, Japan 6,64 Euro die Stunde und Australien ganze 11,50 Euro.

Weiterführende Links zum Thema:

Dr. Thorsten Schulten: WSI-Mindestlohnbericht 2012 – Schwache Mindestlohnentwicklung unter staatlicher Austeritätspolitik, in: WSI Mitteilungen 2/2012:

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Über Stephan Lenz

Stephan Lenz studierte Philosophie, Soziologie und Anglistik an der Universität Mannheim. Es folgten schriftstellerische Fortbildungen und die freiberufliche Arbeit als Autor und Journalist. Neben unzähligen Artikeln in diversen Magazinen, veröffentlichte er Prosa im Charon Verlag, Hamburg, sowie im Wortkuss-Verlag, München. Er gehört seit vielen Jahren zum festen Stamm der Redaktion des Artikelmagazins.