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Kachelmann-Prozess:

Zeugenaussagen und ihre (Un)Glaubwürdigkeit

Kürzlich wurde ein Psychologe zur Glaubwürdigkeit der Zeugenaussagen im Kachelmann-Prozess befragt. Was kann die Psychologie in so einem Fall leisten?

Erinnerungsvermögen: Psychologie der ZeugenaussageHat er nun oder hat er nun nicht? Das Tauziehen um die Schuldfrage des Angeklagten Jörg Kachelmann gestaltet sich immer dramatischer. Jetzt war sogar die fachkundige Meinung des renommierten Bielefelder Professors und Hirnforschers Hans J. Markowitsch vor Gericht gefragt. Markowitsch sollte dazu Stellung nehmen, wie aus wissenschaftlicher Sicht die Erinnerungslücken des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers zu bewerten seien. In Anbetracht der Brisanz und Medienwirksamkeit dieses sehr speziellen Strafverfahrens wundert es nicht, dass die Einlassungen von Professor Markowitsch sofort zu einem heftigen Donnerwetter zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft führten. Doch warum hat man hier überhaupt einen Psychologen geladen? Was ist der Beitrag der Psychologie zum Thema Zeugenaussage?

Psychologie der Zeugenaussage

Es ist schon für einen unbelasteten Menschen in einer alltäglichen Situation nicht wirklich einfach, aus seiner unmittelbaren Erinnerung vergangene Sachverhalte korrekt zu rekonstruieren. Zahlreiche Forschungsbefunde aus dem Gebiet der Kognitiven Psychologie zeigen sehr instruktiv, wie unzuverlässig und trügerisch unser Gedächtnis arbeiten kann, ohne dass dies zunächst überhaupt zu Bewusstsein käme. Wenn dann noch situative Umstände der Bedrohung oder sogar der Traumatisierung hinzukommen, dann kann das Gedächtnis unvermittelt Haken schlagen, die jeden Hasen neidisch machen. Wenn also Opfer von natürlicher oder menschlich verantworteter Gewalt später Erinnerungslücken haben, dann kann das durchaus neuropsychologisch erklärt werden.

Das Problem bei einer wissenschaftlichen Glaubwürdigkeitsprüfung ist allerdings, dass Menschen auf die durch Stress induzierten psychophysiologischen Veränderungen geistig sehr unterschiedlich reagieren. Da bahnt sich bei dem einen ein Filmriss an, während sich dem anderen das traumatische Geschehen bis ans Ende seiner Tage unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennt. Wieder andere spalten die Emotionen ab, um das Erlebte zu verarbeiten, und berichten in der Folge in einer verstörenden Teilnahmslosigkeit von den schrecklichsten Dingen.

Zwar versteht die Neuropsychologie mehr und mehr, was in den Gehirnen traumatisierter Menschen grundsätzlich vorgeht. Dennoch vermag sie es nicht, im individuellen Einzelfall eine hinlänglich verbindliche Einschätzung abzugeben. Und deshalb wird es im Fall Kachelmann auch immer wieder Blitz und Donner geben, wenn es um die Frage geht, ob der Angeklagte lügt, oder die Nebenklägerin.

Wer sich in dieses spannende Gebiet einlesen möchte, dem sei das Standardwerk „Psychologie der Zeugenaussage“ empfohlen. Und wer wissen will, ob der angezählte Wetterfrosch lediglich ein egomaner Lustmolch oder ein verabscheuenswürdiger Vergewaltiger ist, dem wird nichts anderes übrig bleiben, als dem Prozessverlauf weiterhin aufmerksam zu folgen.

Buchtipp: Friedrich Arntzen; Psychologie der Zeugenaussage: System der Glaubhaftigkeitsmerkmale; Taschenbuch: 170 Seiten; Verlag: Beck Juristischer Verlag; Auflage: 4., durchges. A. (3. Januar 2007); Sprache: Deutsch; ISBN-10: 3406470831; ISBN-13: 978-3406470837; Preis 14,29 Euro

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Ein Kommentar

  1. Markowitsch hat wohl die entscheidende Aussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht. Vorher war meines Erachtens nur allgemeines Geplänkel. Mir würde schon reichen, wenn einige Journalisten wie Rückert oder Friedrichsen endlich aufhören würden, K. als potentielles Justizopfer anzusehen. Meiner Meinung nach tun sie es pausenlos. Wenn schon Berichterstattung, dann bitte ohne Beeinflussung der Leser.