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Keine Frage des Geldes

Wohlstandsverwahrlosung: Wenn Kinder verwöhnt, aber nicht geliebt werden

Wohlstandsverwahrlosung - Jugendliche schlagen einen Mann auf dem Bahnsteig zusammenDer Sprössling wohlhabender Eltern wird beim Ladendiebstahl erwischt. Oder bei schweren Sachbeschädigungen. Oder im schlimmsten Fall beim Amoklauf in der Schule oder bei grausam kaltblütigen brutalen Übergriffen am Bahnsteig. Warum hat dieser Junge das gemacht? Es hat ihm doch zuhause weiß Gott nie an etwas gefehlt. Alles, was er sich je gewünscht hat, hat man ihm doch sofort gekauft. Und auch Bargeld stand ihm immer reichlich zur freien Verfügung. Was also treibt dieses lebenslang bis zum Exzess verwöhnte Kind vom Paradies direkt ins Polizeigewahrsam? Die Antwort darauf gibt die pädagogische Psychologie: Wohlstandsverwahrlosung (Luxusverwahrlosung, Verwöhn-Verwahrlosung). Wer sich mit diesem gefährlichen Phänomen des verwöhnt, aber nicht geliebt Werdens näher beschäftigt, wird zahlreiche Auswüchse jugendlicher Gewaltbereitschaft und Zerstörungswut mit deutlich mehr Sachverstand einordnen können.

Mutterliebe geht nicht durch den Magen

Den Psychologen Harry Harlow trieb seinerzeit die Frage um, ob an einer Mutter eher ihre nährenden oder ihre emotional wärmenden Eigenschaften für die Kinder wichtiger wären. Und da man beides bei einer echten fürsorglichen Mutter nun mal nicht trennen kann, bastelte Harlow zwei künstliche Mütter. Die eine Mutter, die er die „Drahtmutter“ nannte, war ein stählernes Klettergerüst, in das eine Milchquelle eingearbeitet war. Die andere Mutter, „Fellmutter“ genannt, war exakt genau so gebaut, aber komplett mit kuschelig weichem warmem Fell überzogen; allerdings völlig ohne Milchquelle.

Diese beiden künstlichen Mütter bot Harlow einer Gruppe jungen Affen, die man ihren echten Eltern sehr früh weggenommen hatte, als „Ersatzmütter“ an. Dabei zeigte sich, dass die Äffchen die Milch spendende Drahtmutter ausschließlich zur notwendigen Nahrungsaufnahme aufsuchten, während sie ansonsten lieber mit der Fellmutter kuschelten. Auch dann, wenn Harlow die Äffchen kräftig erschreckte, flüchteten sie ganz spontan nicht an die Milchbar, sondern suchten Schutz und Trost bei der Fellmutter. Daraus schloss Harlow, dass die wärmende und schützende Fürsorge einer behütenden Mutter für das Kindeswohl weitaus wichtiger ist als die Tatsache, dass sie füttert.

So weit, so wissenschaftlich grausam. Doch der Erkenntnisgewinn ging noch weiter. Denn als die jungen Äffchen sich zu großen starken Affen ausgewachsen hatten, ließen sie es an jedweder Sozialisierbarkeit und Gruppenorientierung fehlen. Sie verhielten sich so aggressiv und antisozial, wie es Affen nur machen können. Und die Weibchen, die Harlows Forschungslabor entwachsen waren, erwiesen sich selbst als komplett unfähig, ihre eigenen Kinder nach liebevoller Affenart großzuziehen.

Kann man diese Befunde 1:1 auf den Menschen übertragen?

Nein, natürlich nicht. Aber eines steht dennoch außer Zweifel: Kinder, die neben materiellem Wohlstand, sei er auch noch so überwältigend, keinerlei elterliche Liebe und fürsorgliches Zügeln erfahren, haben keine Chance, gesunde Sozialkompetenzen zu entwickeln. Sie erwerben keine Frustrationstoleranz, haben Null Geduld und ebenso wenig Respekt vor fremdem Eigentum. In antisozialer Manier missachten sie jedes Menschenrecht. Denn sie haben nie etwas anderes lernen können, als ihre eigenen materiellen und hedonistischen Interessen rücksichtslos und egozentrisch durchzusetzen.

Materielle Kinderarmut ist sicher schlimm. Aber ein Mangel an Liebe und Geborgenheit ist weitaus schlimmer. Sowohl für die Kinder selbst, als auch für die Gesellschaft, die später einmal mit den sozial inkompetenten Produkten einer falsch verstandenen Verwöhn-Verwahrlosung fertigwerden muss.

Weiterführende Links zum Thema Wohlstandsverwahrlosung

Wohlstandsverwahrlosung (JsB)
http://philo.at/wiki/index.php/Wohlstandsverwahrlosung_(JsB)

Wohlstandsverwahrlosung
http://www.politik-forum.eu/viewtopic.php?f=20&t=3724

Wohlstandsverwahrlosung auf der Bühne
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1325523/

Deborah Blum: Die Liebe, der Forscher, das Stofftier
http://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/c397d348-0908-42fd-93f9-45bb22424bc3.aspx

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